IV-Depots: nach­hal­tig und ressourcenschonend

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[Titel] - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz 13

Alle acht Hilfs­mit­tel­zen­tren der SAHB füh­ren im Man­dat des Bun­des­am­tes für Sozi­al­ver­si­che­run­gen (BSV) ein Hilfs­mit­tel­de­pot, kurz IV-Depot. Die­se IV-Depots sind eine gute Sache, denn hier erhal­ten nicht mehr gebrauch­te Hilfs­mit­tel ein neu­es Leben. Die Fach­leu­te revi­die­ren und repa­rie­ren sie und geben sie an eine nächs­te nut­zen­de Per­son ab. Schweiz­weit war­ten ca. 4000 Hilfs­mit­tel auf den Wie­der­ein­satz. Das Team in Itti­gen gibt jähr­lich etwa 700 Hilfs­mit­tel ab. Genau­so vie­le Hilfs­mit­tel kom­men pro Jahr ins Depot zurück. Doch was genau pas­siert in einem IV-Depot? Ein Besuch im IV-Depot in Itti­gen bringt Licht ins Dun­kel. Ein Bei­spiel: Eine Per­son hat einen Roll­stuhl, benö­tigt nun aber einen neu­en. Die IV erteilt ihr eine Kos­ten­gut­spra­che und schickt ihr gleich­zei­tig einen Rück­for­de­rungs­auf­trag. In die­sem steht, dass die Per­son den alten Roll­stuhl im IV-Depot abge­ben muss. Das Team der SAHB erhält die­ses Schrei­ben auch und weiss dann, dass ein Roll­stuhl zurück­kommt. Für die Rück­ga­be gibt es ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten: Die Per­son bringt das Hilfs­mit­tel in ein IV-Depot oder lässt es von der SAHB abho­len. Oder sie bringt das Hilfs­mit­tel in den Fach­han­del, der dann meh­re­re gleich­zei­tig ins IV-Depot retourniert.

Rück­ga­be und ers­te Kontrolle
Im IV-Depot in Itti­gen ange­kom­men, kommt das Hilfs­mit­tel zuerst ins Unter­ge­schoss des Gebäu­des. Dort sind die Anlie­fe­rung und die Hal­le, in der unter­schied­lichs­te retour­nier­te Roll­stüh­le, Elek­tro­mo­bi­le, Pfle­ge­bet­ten und ande­re Hilfs­mit­tel ste­hen. Man­che Roll­stüh­le sehen ziem­lich mit­ge­nom­men aus. Kaum vor­stell­bar, dass die­se wie­der in Umlauf gehen. In der Hal­le unter­zie­hen der Team­lei­ter Bera­tung und der Werk­statt­lei­ter die Hilfs­mit­tel einer ers­ten Kon­trol­le. Sie ent­schei­den, wel­che Hilfs­mit­tel sie kom­plett revi­die­ren, von wel­chen sie noch Ersatz­tei­le brau­chen kön­nen und wel­che ent­sorgt und recy­celt wer­den. Nach einem Ampel­sys­tem mit Auf­kle­bern kenn­zeich­nen sie die Hilfs­mit­tel. Grün bedeu­tet, das Hilfs­mit­tel wird wie­der ein­ge­setzt, rot ist zum Ent­sor­gen und blau kenn­zeich­net Hilfs­mit­tel, die Ersatz­tei­le lie­fern. Sind Hilfs­mit­tel in der Schweiz nicht mehr zuge­las­sen oder lie­fert der Fach­han­del kei­ne Ersatz­tei­le mehr, zie­hen eini­ge, noch funk­ti­ons­tüch­ti­ge Hilfs­mit­tel wei­ter nach Äthio­pi­en und leis­ten dort gute Diens­te (sie­he Kas­ten). Gene­rell gilt: Gibt das IV-Depot älte­re Model­le gra­tis ab, unter­schrei­ben die Abneh­mer, dass sie kei­nen Pro­fit dar­aus schlagen.

Zurück in die Hal­le. Die Fach­leu­te füh­ren über jedes Hilfs­mit­tel exakt Buch und erfas­sen alle Details in ihrem Sys­tem. So haben sie den Über­blick und wis­sen, was sie alles im Depot lagern. Auf die­se Daten­bank haben alle IV-Depots Zugriff und kön­nen bei Bedarf ein Hilfs­mit­tel an einem ande­ren Stand­ort bestel­len. Meis­tens sind dies Roll­stüh­le. «Rol­la­to­ren und Pfle­ge­bet­ten ver­schie­ben wir nicht von einem Depot ins nächs­te, da es nicht wirt­schaft­lich ist», erklärt Alex­an­dra Frey. Sie lei­tet das Hilfs­mit­tel­zen­trum in Ittigen.

Cle­ver gela­gert und organisiert
Recy­celn die Fach­leu­te Hilfs­mit­tel, schau­en sie genau hin und demon­tie­ren Zube­hör, das für Repa­ra­tu­ren und Revi­sio­nen nütz­lich sein könn­te. Vie­le Hilfs­mit­tel ent­hal­ten Alu­mi­ni­um und Elek­tro­nik. «Gera­de Elek­tro­roll­stüh­le geben immer wert­vol­les Ersatz­ma­te­ri­al her», erläu­tert Alex­an­dra Frey. Was übrig bleibt, trennt und ent­sorgt das Team fach­ge­recht. Hilfs­mit­tel für den Wie­der­ein­satz sind im zwei­ten Stock des Hilfs­mit­tel­zen­trums. Dort befin­den sich die Werk­statt und die Lager­hal­len. Letz­te­re sind das Herz­stück des IV-Depots. In den Hal­len befin­den sich rei­hen­wei­se Rega­le mit unre­vi­dier­ten Hilfs­mit­teln. Hier gibt es alles: von Steh­ge­stel­len, Kin­der­sit­zen und Ram­pen über Kin­der­roll­stüh­le, Elek­­t­ro- und Hand­roll­stüh­le bis hin zu Elek­tro­an­trie­ben, Trep­pen­steig­ge­rä­ten, Scoo­tern und Pfle­ge­bet­ten. In Schrän­ken befin­den sich neue Sitz­kis­sen und in Kis­ten das Ersatz­ma­te­ri­al. Alles ist nach Art und Grös­se sor­tiert, beschrif­tet und mit Sys­tem orga­ni­siert. Alex­an­dra Frey nennt das IV-Depot einen Gemischt­wa­ren­han­del. Wäh­rend sich der Fach­han­del meist auf aus­ge­wähl­te Hilfs­mit­tel kon­zen­triert, erhal­ten die IV-Depots die unter­schied­lichs­ten Produkte.

Schnell ver­füg­bar, ein Vor­teil der IV-Depots
«Man­che Hilfs­mit­tel sind schnell weg, ande­re ste­hen lan­ge hier», führt Alex­an­dra Frey aus. Etwa, weil sie eine Grös­se haben, die nur weni­gen Per­so­nen passt, oder weil es ein spe­zi­el­les Hilfs­mit­tel ist. Wenn jemand ein Hilfs­mit­tel benö­tigt, steht es inner­halb von zwei bis drei Tagen bereit. Zeit ist ein ent­schei­den­der Vor­teil der IV-Depots gegen­über dem Fach­han­del. «Die­ser hat oft kei­ne gros­sen Lager und bestellt die Hilfs­mit­tel bei den Her­stel­lern», so Alex­an­dra Frey. Bei Lie­fer­eng­päs­sen oder je nach Welt­la­ge kann sich die War­te­zeit um Mona­te hin­aus­zö­gern. In den IV-Depots steht das Mate­ri­al bereit. Auch das Insel­spi­tal bezieht Hilfs­mit­tel aus dem IV-Depot in Itti­gen. «Wenn sie ein Pfle­ge­bett oder einen Roll­stuhl für die Pal­lia­tiv­pfle­ge benö­ti­gen, muss es schnell gehen», erzählt Alex­an­dra Frey.

Die Werk­statt ver­leiht neu­en Glanz
Damit die Fach­leu­te ein Hilfs­mit­tel auf­be­rei­ten kön­nen, erhal­ten sie einen Werk­statt­an­trag. Die­sen erstellt die Per­son, die die Kli­en­tin oder den Kli­en­ten bera­ten hat. Der Werk­statt­an­trag beschreibt genau, wie die Werk­statt­mit­ar­bei­ten­den das Hilfs­mit­tel anpas­sen müs­sen. Sie holen das ent­spre­chen­de Hilfs­mit­tel aus dem Lager, anschlies­send lagern sie es in einer Art War­te­zim­mer zwi­schen, denn die Mit­ar­bei­ten­den der Werk­statt arbei­ten die Hilfs­mit­tel nach Prio­ri­tät ab. Oft geht ein Hilfs­mit­tel vor der Revi­si­on unter die Dusche. Dazu hat das IV-Depot einen sepa­ra­ten Raum. Die­ser ist mit einem Hoch­druck­rei­ni­ger, einer Wasch­ma­schi­ne, Ent­kal­kungs­mit­tel für Dusch­stüh­le sowie Rei­­ni­­gungs- und Des­in­fek­ti­ons­mit­teln aus­ge­stat­tet. Die Mecha­ni­ker neh­men das Hilfs­mit­tel aus­ein­an­der, rei­ni­gen es gründ­lich und las­sen es trock­nen. Anschlies­send berei­ten sie es auf, erset­zen altes Mate­ri­al mit neu­em, repa­rie­ren und pas­sen es genau an die Per­son an, die es erhält. Es ist erstaun­lich, wel­chen Wan­del die Hilfs­mit­tel durch­lau­fen. Denn nach geta­ner Arbeit sehen sie aus wie neu und war­ten dar­auf, abge­holt zu werden.

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Gebrauch­te Hilfs­mit­tel, die ins IV-Depot zurückkommen, sehen mit­un­ter ziem­lich lädiert aus

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Kor­rek­tes Ent­sor­gen und Recy­cling sind für 2 das IV-Depot das A und O.

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In den Lager­hal­len sta­peln sich Hilfs­mit­tel und 3 Ersatz­tei­le aller Art – mit Sys­tem organisiert.

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Durch den Werk­statt­an­trag wis­sen die Werk­statt­mit­ar­bei­ten­den, was sie alles für die neue nut­zen­de Per­son anpas­sen müssen.

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Die War­te­schlan­ge mit den zu revi­die­ren­den Hilfsmitteln

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In die­sem Raum rei­ni­gen die Fach­leu­te die Hilfsmittel.

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Der Werk­statt­mit­ar­bei­ter berei­tet einen Kin­der­roll­stuhl neu auf.

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Das aus­ein­an­der­ge­nom­me­ne Steh­ge­stell für ein Kind wird neu bestückt.

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Wie neu: Ein fer­tig revi­dier­ter Roll­stuhl mit Zug­ge­rät ist bereit zum Abholen.

In Äthio­pi­en wei­ter im Einsatz

Hilfs­mit­tel, die aus­ran­giert sind oder den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen der Schweiz nicht mehr genügen, erhal­ten ein wei­te­res Leben in Äthio­pi­en. Rollstühle und Hilfs­mit­tel sind dort, wie auch in ande­ren afri­ka­ni­schen Län­dern, ein rares Gut. 17 Pro­zent der Men­schen in Äthio­pi­en leben mit einer Behin­de­rung. Gründe sind Krieg, Krank­hei­ten oder Unfäl­le. Die SAHB unterstützt mit ihrem Part­ner Rol­laid aus Inter­la­ken die Non-Pro­­fit-Orga­­ni­­sa­­ti­on Addis Guzo. Nebst Mate­ri­al­spen­den rei­sen auch regel­mäs­sig zwei Mit­ar­bei­ten­de der SAHB nach Äthio­pi­en, um die Men­schen im Umgang mit Hilfs­mit­teln zu schulen.

Video über Addis Guzo in eng­li­scher Sprache

Mehr erfah­ren:

www.rollaid.org
www.addisguzo.com

IV-Depots: ein Leistungsauftrag

Die IV-Depots bei der SAHB sor­gen dafür, dass gebrauch­te Hilfs­mit­tel gewar­tet und wie­der­ver­wen­det wer­den. So ent­steht ein nach­hal­ti­ger Kreis­lauf, der Res­sour­cen schont und der IV Kos­ten einspart.

Die SAHB bewirt­schaf­tet das Hilfs­mit­tel­de­pot der Inva­li­den­ver­si­che­rung (IV-Depot) im Auf­trag des Bun­des­am­tes für Sozi­al­ver­si­che­run­gen (BSV). In den Depots ste­hen ver­schie­dens­te Hilfs­mit­tel zum Wie­der­ein­satz bereit. Wie ist es zu die­ser Zusam­men­ar­beit gekom­men? Frü­her war es so: Die IV bezog Hilfs­mit­tel über den Fach­han­del. Nicht mehr gebrauch­te Hilfs­mit­tel gin­gen je nach kan­to­na­ler Rege­lung an unter­schied­li­che Stel­len zurück. Ein teu­res und öko­lo­gisch wenig sinn­vol­les Unter­fan­gen für die IV, denn sie kauf­te immer neue Hilfs­mit­tel. Des­halb mach­te sich die IV im Jahr 1988 auf die Suche nach einer unab­hän­gi­gen Orga­ni­sa­ti­on, um die Idee der IV-Depots zu ver­wirk­li­chen. Eine zen­tra­le Stel­le soll­te die Hilfs­mit­tel ver­wal­ten, war­ten und zum Wie­der­ver­wen­den auf­be­rei­ten. Die IV wur­de bei der SAHB fün­dig, da die­se nur bera­tend tätig ist und selbst nicht als Fach­händ­le­rin fungiert.

Ein nach­hal­ti­ger Kreislauf
Noch heu­te bezieht die IV die Hilfs­mit­tel im Fach­han­del und gibt die­se leih­wei­se an Per­so­nen ab, die sie benö­ti­gen. Ein Kind im Wachs­tum oder eine Per­son mit fort­schrei­ten­der Erkran­kung benö­tigt rasch ein ande­res Hilfs­mit­tel. Der Unter­schied zu frü­her ist: Heu­te gehen die gebrauch­ten Hilfs­mit­tel in eines der IV-Depots bei der SAHB. Die Fach­leu­te revi­die­ren sie und geben sie an die nächs­te Per­son ab. Ein nach­hal­ti­ger und res­sour­cen­scho­nen­der Kreis­lauf. «Natür­lich ist es auch wich­tig, dass der Fach­han­del neue Hilfs­mit­tel abgibt, sonst sind die IV-Depots eines Tages leer», erklärt Alex­an­dra Frey. Wie erhält jemand ein Hilfs­mit­tel aus dem IV-Depot? Es gibt ver­schie­de­ne Wege. Ein Bei­spiel­sze­na­rio: Eine Per­son, die einen neu­en Roll­stuhl benö­tigt, wen­det sich an den Fach­han­del. Die­ser erör­tert mit ihr, wel­ches Modell und wel­che Anpas­sun­gen sie braucht. Statt den Roll­stuhl direkt zu ver­kau­fen und der IV zu ver­rech­nen, muss der Fach­han­del erst beim IV-Depot abklä­ren, ob dort ein pas­sen­des Modell vor­han­den ist. Wenn ja, erhält die Per­son das Hilfs­mit­tel aus dem IV-Depot, wenn nicht, vom Fach­han­del. Vie­le Kli­en­tin­nen und Kli­en­ten der SAHB ken­nen das IV-Depot inzwi­schen seit Jah­ren und kon­tak­tie­ren im Bedarfs­fall die Fach­leu­te auch direkt. Fal­len bei einem Hilfs­mit­tel aus dem IV-Depot Repa­ra­tu­ren oder Revi­sio­nen an, kön­nen sich Nut­zen­de jeder­zeit an die Werk­statt des IV-Depots wenden.

Ohne Pro­fit
Das IV-Depot erhält für jedes Hilfs­mit­tel einen Pau­schal­be­trag von der IV. Die­ser deckt Mate­ri­al, War­tung und Löh­ne der Mit­ar­bei­ten­den. Der erwirt­schaf­te­te Über­schuss aus den IV-Depots fliesst Ende Jahr ans BSV zurück. Die SAHB erzielt kei­nen Gewinn aus der Bewirt­schaf­tung des IV- Depots.

 

Gut zu wissen

Der Grund­satz der IV lau­tet: «Es besteht nur Anspruch auf Hilfs­mit­tel in ein­fa­cher, zweck­mäs­si­ger und wirt­schaft­li­cher Aus­füh­rung. Durch eine ande­re Aus­füh­rung beding­te zusätz­li­che Kos­ten hat der Ver­si­cher­te selbst zu tra­gen.» (Art. 2 der Ver­ord­nung des Eid­ge­nös­si­schen Depar­te­ments des Innern über die Abga­be von Hilfs­mit­teln durch die Invalidenversicherung)

„In vie­len Län­dern sind die Men­schen sehr hilfsbereit“

In vielen Ländern sind die Menschen sehr hilfsbereit - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz
In vielen Ländern sind die Menschen sehr hilfsbereit - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz

Kul­tu­ren, Far­ben, Düf­te, Tie­re, Natur – auf der Welt gibt es vie­les zu ent­de­cken. Die Erin­ne­run­gen und die gemach­ten Erfah­run­gen auf Rei­sen prä­gen und blei­ben im Her­zen. Auch für Roll­stuhl­fah­ren­de sind Indi­vi­du­al­rei­sen in fer­ne Län­der mög­lich. Roland Big­ler, Rei­se­be­ra­ter für bar­rie­re­freie Rei­sen bei Glo­be­trot­ter, im Gespräch mit der Exma INFO.

Wie­so emp­feh­len Sie Men­schen im Roll­stuhl Aben­­teu­er- und Individualreisen?
Rei­sen berei­chert! Wobei für Roll­stuhl­fah­ren­de Feri­en an sich oft schon ein Aben­teu­er sind. Es gibt auf der gan­zen Welt Unter­neh­men, die Men­schen im Roll­stuhl Erleb­nis­se anbie­ten, die über 08/15-Rei­­sen hin­aus­ge­hen. In Kenia und Süd­afri­ka gibt es Fahr­zeu­ge mit Ram­pen für Elek­tro­roll­stüh­le. Ich habe bis­lang auf jedem Kon­ti­nent eine Ram­pe hin­ter­las­sen, weil mir die Leu­te wegen drei bis vier Trep­pen­stu­fen eine gebaut haben. Wer weiss, viel­leicht sind die Ram­pen noch heu­te dort und hel­fen anderen.

Oder wie wäre es mit einem Kamel­ritt? Ich habe einen Anbie­ter für bar­rie­re­freie Tou­ren und Rund­rei­sen in Marok­ko gefun­den. Er bie­tet auch Kamel­rei­ten für Roll­stuhl­fah­ren­de an. Das ist dank eines spe­zi­ell dafür kon­stru­ier­ten Ses­sels mög­lich, der auf den Rücken des Tie­res gebun­den wird. So kön­nen auch Tetra­ple­gi­ker eine Wüs­ten­tour machen und im Zelt über­nach­ten. Sol­che Erleb­nis­se rei­zen mich.

Sie sind Rei­se­be­ra­ter bei Glo­be­trot­ter. Wie sind Sie dazu gekommen?
Im Jahr 2012 war ich mit mei­ner Part­ne­rin für ein Jahr in Aus­tra­li­en. Vor der Rei­se hat­te ich mei­nen Job gekün­digt; kurz bevor es wie­der nach Hau­se ging, kam mir die Idee, in einem Rei­se­bü­ro zu arbei­ten – einem Rei­se­bü­ro, das bar­rie­re­freie Indi­vi­du­al­rei­sen anbie­tet. Noch in Aus­tra­li­en kon­tak­tier­te ich den CEO von Glo­be­trot­ter, und er war offen für mei­ne Idee. Nun arbei­te ich seit 2014 als Rei­se­be­ra­ter und habe ein Bera­tungs­an­ge­bot für bar­rie­re­frei­es Rei­sen aufgebaut.

Es ist sinn­voll, wenn Roll­stuhl­fah­ren­de ande­re Betrof­fe­ne bera­ten. Zudem ist es glaub­wür­di­ger, denn wir ken­nen The­men, die Fuss­gän­ge­rin­nen und Fuss­gän­ger nicht auf dem Radar haben.

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Bild links: Unend­li­che Wei­te und Natur pur im Ischi­gu­al­as­to Pro­vin­cial Park in Argentinien.
Bild rechts: In Buda­pest gibt es mit Roll­stuhl viel zu ent­de­cken – etwa das Palo­ma Art­space, seit 2014 die Hei­mat der unga­ri­schen Kreativen.

Was machen Sie, wenn Inter­es­sier­te Beden­ken vor einer Rei­se in die Fer­ne haben?
Dann erzäh­le ich ihnen von mei­nen Erfah­run­gen. Bei Glo­be­trot­ter hat jede Rei­se­be­ra­te­rin und jeder Rei­se­be­ra­ter ein Online­pro­fil mit Rei­se­be­rich­ten – so auch ich. Dort kön­nen Inter­es­sier­te nach­le­sen, was für mich alles mög­lich ist, wohin und wie ich rei­se. Sei dies eine Safa­ri in Kenia, eine Rei­se mit dem Cam­per durch Kana­da oder auf dem Haus­boot durch Berlin.

In Aus­tra­li­en haben mei­ne Part­ne­rin und ich sie­ben Mona­te im Zelt gelebt. Klar, das geht nicht für alle, aber man sieht: Auch mit Roll­stuhl ist vie­les mög­lich. Natür­lich ist jede Bera­tung indi­vi­du­ell und die Rei­se abhän­gig von der Art der Mobi­li­täts­ein­schrän­kung. Es kann auch eine Rol­le spie­len, ob die Per­son mit dem Elek­­t­ro- oder dem Hand­roll­stuhl reist. Gera­de wenn man auf Hil­fe ande­rer ange­wie­sen ist. Ein Elek­tro­roll­stuhl ist schwer und lässt sich bei einem tech­ni­schen Pro­blem zum Bei­spiel nicht in ein Fahr­zeug heben. Hin­ge­gen kann man einen Hand­roll­stuhl pro­blem­los anhe­ben und verladen.

Im Inter­net berich­ten Roll­stuhl­fah­ren­de in ihren Blogs über ihre Rei­se­er­fah­run­gen. Eine Recher­che lohnt sich.

Wel­che Ange­bo­te bzw. Desti­na­tio­nen für Roll­stuhl­fah­ren­de führt Globetrotter?
Wir haben bei Glo­be­trot­ter für bar­rie­re­frei­es Rei­sen kei­nen Rei­se­ka­ta­log im klas­si­schen Sinn. Kon­tak­tiert mich jemand mit einem Rei­se­wunsch oder einer Idee, dann recher­chie­re ich im Inter­net, ob es Ange­bo­te und Anbie­ter gibt.

Ein Bei­spiel: Vor ein paar Mona­ten woll­te eine Kun­din mit ihrem Sohn auf die Gala­pa­gos­in­seln. Ehr­lich gesagt dach­te ich, das könn­te eher schwie­rig wer­den. Doch ich wur­de eines Bes­se­ren belehrt. In Deutsch­land fand ich einen Anbie­ter, der bar­rie­re­freie Rei­sen auf die Gala­pa­gos­in­seln anbie­tet. Den habe ich kon­tak­tiert. Mut­ter und Sohn ver­brach­ten drei Wochen dort und waren begeis­tert. Bis jetzt konn­te ich mei­nen Kun­din­nen und Kun­den fast alle Wün­sche erfüllen.

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Käl­te, Schnee und eine Ren­­tier-Schli­t­­ten­­fahrt mit Roll­stuhl in Finnland.
Der Boden ist mat­schig, die Men­schen sind hilfs­be­reit – ohne zu zögern, tra­gen sie Roland Big­ler über das unweg­sa­me Gelän­de in Kenia.

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Bild links: Sky­line, Son­nen­un­ter­gang – war­um nicht mal nach Miami auf­bre­chen und in die Stadt eintauchen?
Bild rechts: Meer, Klip­pen – die Nor­man­die hat viel zu bie­ten. Wie hier in Fécamp.

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Bild links: Wie in 1001 Nacht: die gros­se Sul­­tan-Qabo­os­­Mo­­schee, eine der gröss­ten Moscheen der Welt und eine der Haupt­se­hens­wür­dig­kei­ten Muscats.
Bild rechts: Kuba ist bekannt für sei­ne far­bi­gen Old­ti­mer. Mit genug Abklä­run­gen lässt sich das Land auch mit Roll­stuhl bereisen.

Flug­rei­sen mit Roll­stuhl haben ihre Tücken. Was müs­sen Rei­sen­de wis­sen, und wie berei­ten sie sich am bes­ten vor?
Die Air­lines sind laut der Inter­na­tio­na­len Luft­ver­kehrs­ver­ei­ni­gung IATA ver­pflich­tet, auch Men­schen mit­zu­neh­men, die auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen sind. Zudem müs­sen die Flug­ge­sell­schaf­ten beim Ein- und Aus­stieg hel­fen. Natür­lich hat ein Flug­gast gewis­se Kri­te­ri­en zu erfül­len. Zum Bei­spiel muss er im nor­ma­len Flug­zeug­sitz auf­recht sit­zen können.

Eine Tücke ist die Toi­let­te. Das Flug­per­so­nal hilft nie­man­dem aufs WC. MS-Betrof­­fe­­ne oder gene­rell Men­schen, die noch etwas Geh­fä­hig­keit haben, kön­nen sich selbst vom Kabi­nen­roll­stuhl in das klei­ne Kabäu­schen bege­ben. Für mich bedeu­tet das: Ein­mal im Flug­zeug, blei­be ich bis zum Aus­stieg an mei­nem Platz. Ich benut­ze einen Kathe­ter und einen Urin­beu­tel, den mei­ne Part­ne­rin für mich leert. Bes­se­re Mög­lich­kei­ten gibt es nicht.

Haben alle Flug­ge­sell­schaf­ten die glei­chen Richt­li­ni­en, wenn es um die Mit­nah­me von Roll­stüh­len geht?
Soweit ich infor­miert bin, sind die Richt­li­ni­en über­all gleich. Rei­sen­de mit Roll­stuhl müs­sen ihren Roll­stuhl anmel­den. Bei einem Elek­tro­roll­stuhl oder einem Zug­ge­rät braucht es auch Anga­ben zur Bat­te­rie­art. Das Mit­neh­men eines Roll­stuhls ist kos­ten­los. Wich­tig ist, sich alles schrift­lich bestä­ti­gen zu lassen.

Ich war mal im Oman. Der Hin­flug ver­lief rei­bungs­los, beim Rück­flug woll­te die glei­che Air­line plötz­lich den Swiss-Trac nicht mit­neh­men, obwohl alles sei­ne Rich­tig­keit hat­te und ich mit dem glei­chen Mate­ri­al unter­wegs war. Auf sol­che Sze­na­ri­en soll­ten sich Rei­sen­de mit Roll­stuhl ein­stel­len, fle­xi­bel und hart­nä­ckig blei­ben sowie auf ihre Rech­te und die bestä­tig­ten Unter­la­gen beharren.

Gibt es bestimm­te Flug­ge­sell­schaf­ten, die Sie auf­grund ihrer Bar­rie­re­frei­heit und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te beson­ders empfehlen?
Mei­nes Wis­sens füh­ren alle Gesell­schaf­ten etwa das glei­che bar­rie­re­freie Ange­bot. Bei den Schwei­zer Flug­ge­sell­schaf­ten hat man den Heim- bzw. Sprach­vor­teil. Das macht es ein­fa­cher, sich bei Schwie­rig­kei­ten durchzusetzen.

Bar­rie­re­frei­heit in einem Dritt­welt­land ist zum Bei­spiel schon wegen der Infra­struk­tur nicht gleich wie bei uns. Wie sol­len sich Rei­sen­de vorbereiten?
Mei­nen Kun­din­nen und Kun­den ist es durch­aus bewusst, dass sie in ande­ren Län­dern nicht die glei­che Infra­struk­tur wie bei uns erwar­ten kön­nen, beson­ders wenn sie in ärme­re Län­der aufbrechen.

Es kann über­all pas­sie­ren, dass ein Lift nicht funk­tio­niert. Bei Zug­fahr­ten aus­ser­halb von Gross­städ­ten hat es vie­ler­orts kei­ne eben­erdi­gen Per­rons. Oder das Per­so­nal einer Trans­port­ge­sell­schaft will die Ver­ant­wor­tung für einen Roll­stuhl­fah­ren­den nicht über­neh­men. Da ist man auf die Hil­fe von Mit­rei­sen­den ange­wie­sen. Aber die unter­stüt­zen in der Regel gerne.

Haben Sie Bei­spie­le dafür?
Auf einer fünf­wö­chi­gen Fidschi­rei­se mach­ten wir einen Aus­flug auf eine Insel. Die Fahrt mit dem Boot dau­er­te drei Stun­den. Beim Buchen hat­te ich erwähnt, dass ich einen Roll­stuhl benut­ze und kei­ne Trep­pen stei­gen kann. Die Crew mein­te, es sei kein Pro­blem, sie wür­de hel­fen – eine Aus­sa­ge, die viel Raum für Inter­pre­ta­ti­on lässt. Auf dem Boot hob man mich vor­sich­tig aus dem Roll­stuhl. Bei der Insel ange­kom­men, konn­te das Boot wegen Ebbe nicht an Land fah­ren. Ganz selbst­ver­ständ­lich trug mich die Crew gut 200 Meter durch das seich­te Was­ser. So spon­tan lösen die Men­schen vor Ort Situationen.

Wel­che Tipps haben Sie, um sich vor medi­zi­ni­schen Not­fäl­len auf Rei­sen zu schützen?
Nie­mand kann sich vor allem schüt­zen. Wich­tig ist, genü­gend Ersatz­ma­te­ri­al, benö­tig­te Medi­ka­men­te sowie gän­gi­ge Not­fall­me­di­ka­men­te bei sich zu haben. Zudem soll­ten Rei­sen­de für einen Not­fall eine Rück­rei­se­ver­si­che­rung besitzen.

Es ist sicher sinn­voll, sich vor­ab bei den ört­li­chen Behör­den, dem Ver­an­stal­ter oder Men­schen vor Ort über das nächs­te Spi­tal oder die nächs­te Arzt­pra­xis zu infor­mie­ren. Hilf­reich ist es auch, sich die Not­fall­num­mer des Lan­des im Vor­feld herauszusuchen.

Orga­ni­sie­ren Sie Ihren Kun­din­nen und Kun­den Unter­stüt­zung und Betreu­ung vor Ort?
Mei­ne Kun­din­nen und Kun­den rei­sen alle mit einer oder meh­re­ren Begleit­per­so­nen. Es ist ihnen woh­ler, wenn eine ver­trau­te Per­son gewis­se Pfle­ge­auf­ga­ben über­nimmt. Eine Betreu­ung von Frem­den kann hei­kel sein, wenn es zwi­schen­mensch­lich nicht funk­tio­niert. Auf Tene­rif­fa gibt es zum Bei­spiel eine Art Spi­tex. Wenn ich von sol­chen Ange­bo­ten weiss, lei­te ich die Kon­tak­te bei Bedarf an Inter­es­sier­te wei­ter. Orga­ni­sie­ren müs­sen sie die Unter­stüt­zung aber selbst.

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Bar­rie­re­frei unter­wegs in Thai­land – geht wunderbar.

Wel­che Rol­le spie­len loka­le Kon­tak­te und Netz­wer­ke beim Pla­nen der Reisen?
Ob bar­rie­re­frei oder nicht: Bei Glo­be­trot­ter buchen wir die Rei­sen aus­schliess­lich über ande­re Ver­an­stal­ter mit loka­len Kon­tak­ten. Wir füh­ren eine 24-Stun­­den-Hel­­pli­­­ne. Geht über die­se eine Mel­dung ein, infor­mie­re ich den Ver­an­stal­ter, und er koor­di­niert wei­ter. Auf Grup­pen­rei­sen ist es ein­fa­cher, da hat man eine Kon­takt­per­son vor Ort.

In einer Grup­pe oder selbst­stän­dig rei­sen: Wel­ches sind für Roll­stuhl­fah­ren­de die Vor- und Nachteile?
Der Vor­teil einer Grup­pen­rei­se kann sein, dass man das Erleb­te oder auch Ängs­te tei­len kann, sich gegen­sei­tig unter­stützt, moti­viert oder Tipps gibt. Ich per­sön­lich wür­de eine klei­ne Grup­pe mit zwei bis drei Roll­stuhl­fah­ren­den vor­zie­hen, mehr stel­le ich mir schwer­fäl­lig vor – sei dies beim Flug­ha­fen­trans­fer oder bei Trans­por­ten im Feri­en­land. Auch ein Restau­rant­be­such mit sechs Roll­stüh­len und meh­re­ren Begleit­per­so­nen wird für das Gas­tro­per­so­nal schnell eine platz­tech­ni­sche Herausforderung.

Wel­che Hilfs­mit­tel aus­ser dem Roll­stuhl neh­men Sie auf Rei­sen mit, und was gibt es zu beachten?
Grund­sätz­lich rei­se ich nach dem Mot­to: «Weni­ger ist mehr.» Mein Zug­ge­rät, der Swiss-Trac, kommt immer mit. Ande­re Men­schen sind auf einen Elek­tro­roll­stuhl ange­wie­sen und müs­sen die­sen mit­neh­men. Man muss stets im Hin­ter­kopf behal­ten, dass ein Gerät kaputt­ge­hen und eine Repa­ra­tur schwie­rig sein kann. So ein Defekt kann das Ende einer Rei­se bedeu­ten. Die­se Ängs­te sind ver­ständ­lich, aber des­we­gen auf Rei­sen zu ver­zich­ten, wäre bedauerlich.

Bil­der mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Roland Bigler

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Zur Per­son
Ein Köpf­ler ins Meer wur­de Roland Big­ler zum Ver­häng­nis. Infol­ge eines Schlags in den Nacken, ver­ur­sacht durch eine Wel­le, wur­de der damals 20-Jäh­ri­­ge zum Tetra­ple­gi­ker. Der gelern­te Mau­rer ist seit­her von der Brust abwärts gelähmt – die Arme kann er ein­ge­schränkt bewe­gen, die Fin­ger nicht. Beruf­lich muss­te Roland Big­ler umsat­teln und absol­vier­te dazu bei der Stif­tung Schu­­lungs- und Wohn­heim Ross­feld in Bern eine kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung. Anschlies­send arbei­te­te er dort in der IT und der Buch­hal­tung. Vom Rei­sen hat sich Roland Big­ler trotz Roll­stuhl nie abhal­ten las­sen. Sei­ne Erfah­run­gen kom­men ihm bei sei­nen Bera­tun­gen für bar­rie­re­frei­es Rei­sen bei Glo­be­trot­ter zugute.

Sei­ne Rei­se­be­rich­te sind unter: globetrotter.ch/rbigler

„Zwar brau­che ich viel län­ger, aber es geht vorwärts!“

Zwar brauche ich viel länger, aber es geht vorwärts! - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz
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Seit rund zwölf Jah­ren woh­nen René (75) und Esther (71) im Aar­gau. Weil den bei­den das Leben in Zürich im Ren­ten­al­ter zu teu­er gewor­den war, such­ten sie nach einer Alter­na­ti­ve – und wur­den in Fahr­wan­gen fün­dig. Ihr «Hexen­häus­chen», wie sie es nen­nen, ver­eint dabei alle Wün­sche: Woh­nen in zwei unter­schied­li­chen Haus­hal­ten im sel­ben Gebäu­de und ein gemein­sa­mer Gar­ten, den es zu bewirt­schaf­ten gilt. Denn die Lie­be zum Gärt­nern ver­bin­det die bei­den. Nicht nur hier hel­fen und unter­stüt­zen sie sich gegenseitig.

René ist gelern­ter Radio- und Fern­seh­elek­tri­ker mit Wei­ter­bil­dung zum Haus­wart. Nach einer Hirn­blu­tung bezog er eine Teil­ren­te, arbei­te­te aber den­noch vie­le Jah­re wei­ter. Seit rund 25 Jah­ren lei­det er zudem an Poly­neu­ro­pa­thie – einer Krank­heit, die das Gefühl in Füs­sen und Hän­den ver­min­dert. Wenn René sich bei­spiels­wei­se an den Füs­sen ver­letzt oder Bla­sen bekommt, spürt er dies nicht. Dadurch ent­stan­den Ent­zün­dun­gen, die schliess­lich zur Ampu­ta­ti­on ver­schie­de­ner Zehen und des rech­ten Vor­fus­ses führ­ten. Nach wei­te­ren Kom­pli­ka­tio­nen muss­te auch sein lin­kes Bein inklu­si­ve Knie ampu­tiert werden.

Trai­nie­ren für das Rad­fah­ren auf der Strasse
Für den frü­her akti­ven Rad­fah­rer war dies zunächst ein har­ter Schlag – schliess­lich konn­te er sein gelieb­tes Hob­by nicht mehr aus­üben. Doch René liess sich nicht unter­krie­gen. Dank inten­si­ver The­ra­pie mit Gang­trai­ning und Kraft­auf­bau kommt er dem Rad­fah­ren lang­sam wie­der näher. Momen­tan radelt er zwar nur auf dem Home­trai­ner, aber die Aus­sich­ten, sich wie­der auf der Stras­se fort­zu­be­we­gen, sind gut. Hier­bei hilft ihm ein com­pu­ter­ge­steu­er­tes Knie­ge­lenk, mit des­sen Unter­stüt­zung er sein Knie kon­trol­liert und sicher beu­gen kann. Auch Trep­pen­stei­gen ist so wie­der möglich.

Aktu­ell ist der 75-Jäh­ri­­ge viel mit Roll­stuhl oder E‑Scooter unter­wegs. Zur The­ra­pie nach Schinz­nach (AG) fährt er bei­spiels­wei­se mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. «Das funk­tio­niert ein­wand­frei», erzählt er. Auf der SBB-App sieht er dabei genau, wel­che Trans­port­mit­tel sich für ihn und sein Gefährt eig­nen. «Weil das so ein­fach geht, nut­ze ich mit dem E‑Scooter oft den ÖV.»

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René und Esther vor ihrem «Hexen­häus­chen».
Mit E‑Scooter und ÖV fährt René zur The­ra­pie ins 20 Kilo­me­ter ent­fern­te Schinz­nach (AG).

Bad­um­bau in Eigen­re­gie – auch das funktioniert
Esther wie­der­um stö­bert ger­ne in Bro­cken­stu­ben nach Gegen­stän­den, die den gemein­sa­men Gar­ten zie­ren. «Des­halb nen­nen wir es auch das ‹Hexen­häus­chen›», erzählt sie, «weil im Gar­ten über­all Din­ge her­um­ste­hen und man beim Durch­lau­fen immer wie­der Neu­es ent­deckt.» Mit dem Älter­wer­den gehe jedoch alles etwas lang­sa­mer, und die Kraft neh­me ab. Des­halb hat sich Esther nach der Ampu­ta­ti­on von Renés Bein schwe­ren Her­zens ent­schie­den, den Gemü­se­gar­ten auf­zu­ge­ben. «Allei­ne schaf­fe ich das nicht mehr.»

Die bei­den über­le­gen, wei­te­re Hilfs­mit­tel ins Haus zu holen, einen Trep­pen­lift zum Bei­spiel. Dazu sam­meln sie sämt­li­che wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen. Auch ihre Bade­zim­mer wol­len sie alters­ge­recht umge­stal­ten. René legt dabei selbst Hand an: In Esthers Woh­nung hat er schon gan­ze Arbeit geleis­tet und das Bad umge­baut. Momen­tan wer­kelt er in sei­nen dar­un­ter lie­gen­den vier Wän­den. Hier ersetzt er die Bade­wan­ne durch eine Dusche und tauscht den Dusch-WC-Auf­­­satz gegen ein fes­tes Dusch-WC aus. «Zwar brau­che ich viel län­ger für das Raus­reis­sen, weil ich dabei nicht ste­hen kann», sagt René gut gelaunt, «aber es geht vor­wärts!» Unter­krie­gen las­sen? Nicht mit ihm!

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In Bro­cken­stu­ben stö­bert Esther nach Gegen­stän­den, die den gemein­sa­men Gar­ten zieren.

Poly­neu­ro­pa­thie
Poly­neu­ro­pa­thien sind Ver­sor­gungs­stö­run­gen meh­re­rer Ner­ven, die aus­ser­halb des zen­tra­len Ner­ven­sys­tems (Gehirn und Rücken­mark) lie­gen. Betrof­fen sein kön­nen Ner­ven, die Bewe­gun­gen steu­ern, für Sin­nes­wahr­neh­mun­gen zustän­dig sind oder Infor­ma­tio­nen direkt an das Gehirn leiten.