Treppenlift: Frühzeitig abklären, was möglich ist

Plötzlich ist alles anders: Ein Unfall, eine Erkrankung oder ein Leiden zwingt einen in den Rollstuhl. Auch wenn man gehbehindert ist, entpuppt sich die kleinste Treppe als unüberwindbares Hindernis. Sitzlifte, Plattformlifte, Hebebühnen und Hängelifte helfen.

Hindernisse lassen sich überwinden. Zum Beispiel mithilfe eines Treppenlifts oder einer Hebebühne. Dank diesen Hilfsmitteln können Nutzende auch eine Wohnung oder ein Haus weitgehend barrierefrei gestalten. Egal, ob die Treppe gerade ist oder über einen oder mehrere Bogen verfügt. Dabei gibt es unterschiedliche Lifttypen und Modelle für alle Ansprüche.

Bei den Treppenliften unterscheiden Fachleute zwischen:

  • Sitzliften
  • Plattformliften
  • Hebebühnen
  • Hängeliften

Wann ist welche Art Lift zu bevorzugen?

Im Mittelpunkt einer Abklärung steht der Mensch mit seinen Beeinträchtigungen, seinem Krankheitsbild und seiner Diagnose. Muss jemand sich selbst sowie Hilfsmittel wie einen Rollstuhl oder einen Rollator transportieren, eignen sich Plattformlifte und Hebebühnen am besten. «Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Nutzlast», sagt Thomas Walt, Leiter des SAHB Hilfsmittelzentrums St. Gallen, und ergänzt: «Ein Lift sollte mindestens 300 Kilogramm Nutzlast tragen können.» Grund dafür sind die schweren Elektrorollstühle. Sie bringen zwischen160 und 190 kg auf die Waage.

Ist das Krankheitsbild einer Patientin oder eines Patienten stabil oder sind die körperlichen Einschränkungen einfacherer Art, eignen sich Sitzlifte.

Wann ist ein Vertikallift sinnvoll?

Ein Vertikallift ist oft angebracht, wenn der Platz im Treppenhaus für die Installation eines Treppen- oder Deckenlifts nicht ausreicht. In solchen Fällen empfehlen Fachleute, an der Aussenhülle des Hauses einen Vertikallift anzubauen. Diese Variante ist sehr aufwendig und kostspielig. Dabei gilt es, Bauvorschriften zu beachten und eine Baueingabe zu machen. Oft müssen Fundamente erstellt werden. Das Dachwasser muss abgeleitet werden, die Fassade geschützt bleiben.

«Der Vorteil dieser Art Lift liegt darin, dass die Treppe frei bleibt. Zudem ist es im Gebäude akustisch ruhiger», so Thomas Walt. Ein weiterer entscheidender Vorteil liege in der grossen Liftkabine. Sie ermögliche es, den Entwicklungen von Erkrankungen und den Ansprüchen der Patientinnen und Patienten an Hilfsmitteln gerecht zu werden. «Vielleicht braucht eine Person einmal einen grösseren oder schwereren Rollstuhl», erzählt der Fachmann.

Wann ist ein Hängelift eine Lösung?

Ein Hängelift ist in praktisch allen Treppenhäusern möglich. Die Schiene ist an der Decke montiert, was einen grossen Vorteil hat: Die Kapazität der Treppe, also die Menge der Leute, die sie gleichzeitig benutzen können, ist uneingeschränkt gewährleistet. Die Hebelast eines Hängelifts liegt bei rund 260 kg. «Sollen Mensch und Elektrorollstuhl transportiert werden, gilt es, die Gewichtslimite zu beachten», führt Thomas Walt aus.

Hängelifte zum Transferieren geeignet

Ein weiteres Plus: Ein Hängelift eignet sich auch zum Transfer von Rollstuhl zu Rollstuhl. Wenn sich der Lift in der Parkposition befindet, hebt sich eine Person mithilfe eines Tragetuches aus dem Rollstuhl und senkt sich ab. Zudem kann eine nutzende Person den Hängelift zuerst als Sitzlift einsetzen. Nehmen die Beeinträchtigungen zu, baut man ihn zur Rollstuhlvariante um. Das hat aber seinen Preis: In der Anschaffung kostet der Hängelift mehr als ein Sitzlift. Zudem gilt es, die Kopfhöhe im Treppenhaus zu beachten. Ist sie begrenzt, verunmöglicht das den Einbau.

Senkrechtlift oder Personenaufzug?

Ein Senkrechtlift oder eine Hebebühne mit Schacht fährt langsamer als ein Personenaufzug. Sie können aufgrund der gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen zur Schachtwand hin offen sein. Im Gegensatz dazu hat ein Personenaufzug eine geschlossene Kabine und darf dadurch schneller fahren. Auch hier spielt der Preis eine Rolle: Personenaufzüge sind in der Regel teurer als Senkrechtlifte.

Hebebühnen gut für den Aussenbereich

Hebebühnen kommen vorwiegend draussen zum Einsatz und helfen beim Überwinden von wenigen Metern. Anstelle langer Rampensysteme können Hebebühnen platzbedingt ein Vorteil sein. Hebebühnen benötigen in der Regel ein Fundament – und im Aussenbereich oft eine Baubewilligung. Sie haben einen gegen oben offenen Fahrkorb und weisen aus Sicherheitsgründen Türen auf, die den Fahrkorb zur Konstruktion hin abtrennen. Thomas Walt:« Diese Türen stellen oft ein weiteres Hindernis dar, wenn jemand sie nicht mehr selbst bedienen kann. Dann muss man diese Türen automatisieren.»

Welche Art Plattformlift eignet sich?

Die Wahl des Plattformlifts hängt von der Situation vor Ort ab, aber auch vom Rollstuhltyp, vom Krankheitsbild sowie von der Prognose über den weiteren Verlauf der Einschränkungen. Plattformlifte gibt es für gerade und gewundene Treppen. Anbieterfirmen von Seilzugantrieben sowie Kletterantrieben bieten dafür oft eine grössere Plattform an, weil die Motoren dieser Anlagetypen nicht auf der Fahreinheit montiert sind.

Derzeit gibt es auf dem Markt für Plattformlifte vier verschiedene Antriebstypen:

  • Zahnstangenantrieb: Er ist akustisch ein wenig lauter, dafür recht wartungsarm.
  • Seilzugantrieb: Er zeichnet sich durch grosse Laufruhe aus, am obersten Punkt der Anlage benötigt er einen grossen Kasten für die Seilwinde. Ein allfälliger Seilwechsel nach Jahren kann kostenintensiv sein.
  • Traktionsantrieb: Dieser Antrieb ist sehr laufruhig und wird drinnen bevorzugt; draussen benötigt er für den Winter eine Fahrrohrheizung.
  • Kletterantrieb T80: Er zeichnet sich durch eine lange Lebensdauer aus.

Thomas Walt: «Je nach Steigungswinkel können Seilzuglifte bei der Wartung kostenintensiver sein als andere Modelle.»

Beim Einbau eines Plattformliftes zu beachten

Die Plattform sollte so gross wie möglich gewählt werden, wobei sich deren Grösse nach dem Rollstuhltyp richtet. Zum Be- und Entladen der Plattform sollte genügend Platz vorhanden sein, sodass Beeinträchtigte über eine Auffahrtsrampe problemlos auf diese fahren können.

Ist der Rollstuhl platziert, schliessen sich die Sicherheitsbügel automatisch, und die Fahrt geht los. «Bei der Montage in einem Mehrfamilienhaus sollte man den Schallschutz beachten. Unschön ist es, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner mitkriegen, wann die Rollstuhlfahrerin, der Rollstuhlfahrer nach Hause kommt», sagt Thomas Walt. Und er betont, dass die Parkposition des Plattformliftes eine sorgfältige Planung erfordere: «Ein Plattformlift versperrt die Treppe zu einem gewissen Teil. Dies kann in Treppenhäusern allenfalls mit den Bestimmungen für Fluchtwege in Konflikt stehen. Deshalb wird der Lift oft bis ins Untergeschoss geführt und dort parkiert.»

Wann reicht ein Sitzlift aus?

Sitzlifte, die günstigsten Treppenlifte, können teils einfach eingebaut werden. Es gibt Unternehmen, die solche Liftanlagen im Baukastensystem verbauen. Dadurch entfällt die aufwendige Planungsarbeit. Das verkürzt die Lieferzeit und wirkt sich auf den Preis aus. Dazu sagt Thomas Walt: «Sitzlifte ergeben Sinn, wenn man kein Hilfsmittel befördern muss. Dabei gilt es, langfristig zu denken. Wir klären jeweils ab, ob eine Betroffene, ein Betroffener auch in Zukunft keinen Rollstuhl braucht.»

Sitzlifte kann man auf fast jeder Treppe installieren. Es gibt sie sowohl als Aussen- wie als Innenlifte.

Wer finanziert einen Treppenlift?

Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat im Juli 2020 die Bestimmungen für Treppenlifte vereinfacht. Viele Jahre hat die IV Treppenlifte nur dann finanziert, wenn eine Person damit den Arbeits-, Schul- oder Aufgabenbereichsweg zurücklegen konnte. «Die SAHB hat sich stark für eine Lockerung eingesetzt», sagt Thomas Walt. Seit Juli 2020 haben alle Versicherteneinen Anspruch, ihre Wohnstätte selbstständig verlassen zu können. Das gilt ebenso für weitere Hindernisse wie schwere Türen. Solche Barrieren kann man nun entsprechend beheben. Die IV finanziert solche Anpassungen.

IV-Grundsatz: zweckmässig, wirtschaftlich und verhältnismässig

Bei der Entscheidung, auf welche Art die Invalidenversicherung (IV) finanziell unterstützt, gilt der Grundsatz der Einfachheit, der Zweckmässigkeit, der Wirtschaftlichkeit sowie der Verhältnismässigkeit. «Diese Punkte müssen wir bei jeder Bedarfsabklärung beachten», erzählt der SAHB-Fachmann. Die IV-Stellen ziehen die unabhängigen Beraterinnen und Berater der SAHB für solche Abklärungen bei.

Für Fragen rund um den Einsatz und die Finanzierung von Hilfsmitteln wenden sich Betroffene an das Hilfsmittelzentrum in ihrer Region. Für Rentnerinnen und Rentner gibt es versicherungstechnisch keine Finanzierungshilfen von der AHV.

IV zahlt Reparaturen

Spricht die IV jemandem einen Treppenlift zu, übernimmt sie die Reparaturkosten an diesem Hilfsmittel. Für Treppenlifte gibt es spezielle Service-Abos. Von deren Kosten übernehmen die IV-Stellen jährlich 485 Franken. Braucht es keinen Treppenlift mehr, baut ihn in der Regel ein Liftbauer ab. Sofern sinnvoll und wirtschaftlich, montiert das Unternehmen den Lift an einem anderen Ort wieder. Es kann sich durchaus lohnen, bei Anbieterfirmen nach einem gebrauchten Produkt zu fragen. Hat die IV den Treppenlift bewilligt und finanziert, bezahlt sie den Ausbau. Das IV-Depot der SAHB bewirtschaftet Treppenlifte nicht.

Dauer des Einbaus eines Treppenlifts

Wie lange es dauert, bis ein Treppenlift eingebaut ist, hängt in erster Linie davon ab, ob es sich um einen Sitzlift oder um einen Plattformlift handelt. Von der Offerte bis zum Einbau kann es mehrere Monate dauern. Sitzlifte sind in der Regel schneller verfügbar. Weitere Faktoren beeinflussen das ganze Projekt massgeblich: Möglicherweise müssen die Versicherten Bewilligungen bei Eigentümern oder Bauamt einholen. Oder die SAHB klärt im Auftrag der IV-Stelle Anspruchsvoraussetzungen oder alternative Lösungen ab. Zudem kann die Produktions- bzw. die Auftragslage der Herstellerfirma die Bauzeit verzögern. Bauliche Massnahmen rund um die Montage der Liftanlage müssen Interessierte ebenso berücksichtigen. Dies können sein: das Fundament, Stufen oder Kopfhöhen von Räumen anpassen, andere Bauteile wie Geländer oder Feuerlöschposten im Treppenhaus demontieren.

Fachleute arbeiten zusammen

Beim Installieren eines Treppenlifts arbeiten meistens Fachleute aus Liftbau und Elektroinstallation Hand in Hand. Sind zusätzlich bauliche Massnahmen wie Fundamente nötig oder – bei Aussenliften – Fassaden und andere Bauteile des Hauses betroffen, dauert es länger. Thomas Walt sagt deshalb, man solle sich bei einer progredient verlaufenden Krankheit frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen.

Partnerorganisationen der SAHB, etwa Pro Cap, Pro Infirmis oder das Zentrum für hindernisfreies Bauen (ZHB) unterstützen Betroffene vor allem dann, wenn die Installation sehr aufwendig ist. In solchen Fällen übernimmt die IV-Stelle die Kosten für die Bauleitung. Dies hängt aber davon ab, ob gewisse Kriterien für die Finanzierung erfüllt sind. «Auch in diesem Zusammenhang lohnt es sich», so Thomas Walt, «frühzeitig bei der SAHB nachzufragen, welches Vorgehen finanzierbar und welche Vorgehensweise im Einzelfall sinnvoll ist.»

Lifte in der Exma VISION ausprobieren

Interessierte können in der Exma VISION, der permanenten Hilfsmittelausstellung der SAHB in Oensingen, die verschiedenen Lifttypen ausprobieren. Von jedem oben aufgeführten Anlagentyp stehen Exponate zum Testen zur Verfügung.

Zur Person

Erst war er Maurer und dipl. Vorarbeiter Tiefbau AZ SBV. Danach hat sich Thomas Walt aus gesundheitlichen Gründen beruflich umorientiert. Sein Weg führte ihn zur Orthopädietechnik. Er liess sich zum Orthopädietechniker EFZ ausbilden. Später folgte die Weiterbildung zum Rehatechniker. Seit Januar 2013 führt er das SAHB-Hilfsmittelzentrum St. Gallen und ist Leiter Fachbereich Bau.

Quelle: Exma INFO 1/2022

Von Karina Peters 17.03.2022 Keine Kommentare

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