Früher, als die Autos vor allem über mechanische Verbindungen gesteuert wurden, waren auch die Anpassungen für behinderte Autofahrer von solchen mechanischen Hilfsmitteln geprägt. Somit war für den Autoumbauer von blossem Auge erkennbar, wie etwas angesteuert wurde. Und mit Kreativität konnte er viele Anpassungen auch mit einfachen Mitteln durchführen.
Doch die Elektronik im Autobau hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt. So etwa ist das CAN-Bus-System anstelle der Kabelbäume getreten. Dieses verbindet die normierten Sensoren und Messfühler digital mit dem Steuerungsgerät. Ein Eingriff in dieses komplexe System fordert die Autoumbauer enorm heraus. Alleine das Kappen eines Parksensorkabels bei einem Heckausschnitt verursacht eine Fehlermeldung auf dem Display.
Über kleine Berührungen steuern
Die Hersteller von behindertengerechten Steuerungssystemen müssen ihre Komponenten mit der Elektronik der Autos verbinden. Ein Beispiel sind die häufig verwendeten Multifunktionsdrehknöpfe. Diese montieren die Hersteller direkt am Lenkrad oder auf einem Handbediengerät (Gas- und Bremshebel, siehe Bild Links).
Mit einem einfachen Daumendruck bedienen die Fahrer die Blinker‑, Scheibenwischer‑, Lichtfunktionen und Hupe (siehe Bild Rechts). Die modernste Ausführung der Firma Petri+Lehr kommuniziert über Funksignale direkt mit der Bordelektronik des Fahrzeugs.
Die Integration des Multifunktionsknopfs in das CAN-Bus-System der Autos bedingt jedoch, dass die Autohersteller eine sogenannte «Handycap-CP»-Steuerung für die Kommunikation bereitstellen. Bei ganz neuen Autos kann es sein, dass diese noch fehlt.

Links: Den Gas- und Bremshebel betätigt der Fahrer durch eine einfache Handbewegung
Rechts: Der Multifunktionsdrehknopf reagiert per Daumendruck.
Assistenzhilfen für alle Fälle
Die Autohersteller übertrumpfen sich immer wieder mit Innovationen. Moderne Autos verfügen über viele Assistenzhilfen für das einfache und sichere Fahren. Es gibt heute Abstandsradare, die im Kolonnenverkehr ein automatisches Abbremsen und Beschleunigen auslösen. Geschwindigkeitsassistenten erkennen Temposchilder im Vorbeifahren und zeigen die Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem Tachometer an. Einparkhilfen parkieren das Fahrzeug in kleinste Lücken. Diese Assistenzhilfen sind insbesondere bei Umbauten auf Handbetrieb vorteilhaft.
Der Automobilhersteller Tesla baut serienmässig eine Selbstfahrassistenzhilfe ein, so dass das Auto ohne weiteres Zutun des Fahrers fährt. Diese müssen jedoch aufmerksam sein und die Hände am Lenkrad lassen, um jederzeit die Kontrolle zu übernehmen.
Mehr Fahrkomfort und Sicherheit
Regensensoren geben den Befehl an die Scheibenwischer und stellen diese automatisch an. Einparkhilfen, Abstandsensoren und Rückfahrkameras erhöhen die Sicherheit und helfen insbesondere bei Einschränkungen im Hals- und Kopfbereich. Die Hände, die die Fahrer zum Steuern und Gas geben benötigen, bleiben so immer in der richtigen Position. Auch ohne solche Hilfen müssen Park- und Rückwärtsfahrmanöver möglich sein. Die Fahrer müssen dann mit Hilfe der Rückspiegel fahren. Durch die toten Winkel besteht immer das Risiko, etwas zu übersehen.
All diese Hilfen unterstützen die Fahrer, steigern den Fahrkomfort, erhöhen die Fahrsicherheit oder verbessern die Ökonomie. Sie entbinden die Fahrer jedoch nie von ihrer Verantwortung. Deshalb sind die meisten Fahrerassistenzsysteme so konzipiert, dass die Fahrer sie jederzeit übersteuern und die Kontrolle über das Auto übernehmen können. Auch Fahrzeuglenker mit körperlichen Einschränkungen müssen jederzeit bereit sein, das Auto selber zu lenken, zu bremsen und zu kontrollieren.
Selbstfahrende Taxis und moderne Autos
Der Taxidienst Uber betreibt die ersten fahrerlosen Autos (siehe Bild). Dieser Versuch läuft seit September 2016 in der amerikanischen Stadt Pittsburgh. Noch hat es zwei Techniker an Bord, die die Fahrt überwachen, doch bald sollen die Passagiere alleine im Auto sitzen. Diese neue Technik ermöglicht in Zukunft auch Menschen mit einer Sehbehinderung oder Hirnverletzung selbstständiges Autofahren.
Moderne Autos verfügen über weitere, sehr praktische Optionen. Es gibt heute elektrisch verstellbare Sitze bereits ab Werk. So kann man beispielsweise für den Transfer eines Rollstuhls den Sitz auf dessen Höhe senken oder anheben und über die programmierbare Einstellung in die richtige Fahrposition bringen. Ferner sind anpassbare Autositze bei einigen, eher gehobenen Automarken optional erhältlich. Sie erhöhen die Körperstabilität und verhindern das Ermüden durch eine falsche Sitzposition. Elektrische Schiebe- und Hecktüren sind teilweise auch als Option erhältlich. Diese kosten ab Werk viel weniger als bei einer Nachrüstung und sind auch optisch ansprechender.

Ein selbstfahrendes Taxi von Uber
Die Wahl des Autos
Doch im Alltag braucht es mehr als angepasste Steuerungsfunktionen. Rollstuhlfahrer sollen ihre Stühle selbstständig ein- und ausladen können. Dies geschieht je nach körperlichen Fähigkeiten per Hand, mit einem einfachen Seilzuglift oder vollautomatischen Verladehilfen.

Mit dem einfachen Seilzuglift ist der Rollstuhl rasch im Auto versorgt.
Wie viel Anpassung ist möglich und nötig?
Die Grundlage für das Umbauen von Fahrzeugen ist die technische Verfügung des Strassenverkehrsamtes; sie schreibt die technischen Anpassungen für das sichere Autofahren vor. Nicht vorgeschrieben ist in der Regel, wie eine behinderte Person in das Auto einsteigt und allfällige Hilfsmittel verlädt. Denn dies ist für die Fahrtauglichkeit unerheblich.
Die Art der Behinderung, der Einsatz und die Anzahl Mitfahrende sind für die Wahl des Autos massgebend. Eine grosse Auswahl hat etwa eine gehfähige Person mit einer Behinderung am rechten Bein. Sie benötigt lediglich ein versetztes Gaspedal auf der linken Seite und ein Fahrzeug mit automatischem Getriebe.
Anders im Fall einer Person mit einer hohen Tetraplegie, die nicht selbstständig ins Fahrzeug transferieren kann. Damit die Autonomie gewährleistet ist, muss sie mit einem Elektrorollstuhl bis hinter das Lenkrad fahren und mit ihren geringen Restkräften das Auto steuern können. Dies bedingt, dass sich die Seiten- oder Hecktüren automatisch öffnen und der Einstieg mit einem Seiten- oder Hecklift erfolgt.
Danach fährt der Tetraplegiker mit dem Elektrorollstuhl hinter das Lenkrad, wo der Rollstuhl mechanisch-elektrisch verriegelt wird. Das Verriegeln des Rollstuhls dient vor allem der Sicherheit des Fahrers. Es verhindert, dass der Rollstuhl während der Fahrt verrutscht oder in einer scharfen Kurve umkippt. Mit einem elektronischen Lenksystem (Joystick oder Minilenkrad) steuert, lenkt und bremst der Fahrer. Um einen Umbau eines Fahrzeugs mit einem Heck- oder Seitenlift zu realisieren, braucht es ein grosses und hohes Auto, wie zum Beispiel einen VW T6. Die Innenhöhe des Autos ist wichtig, da die Person im Rollstuhl auf der Liftplattform den Kopf an der Dachkante stossen könnte.

Mit der Verladehilfe lässt sich der Rollstuhl im Heck oder seitlich verstauen.
Es gibt vieles zu beachten
Nebst den beiden oben beschriebenen Beispielen gibt es sehr viele Krankheitsbilder mit vielen Umbauvarianten. Jeder Fall wird individuell abgeklärt, wobei auch der Krankheitsverlauf in die Autowahl miteinbezogen wird. Bei einem progredienten Krankheitsverlauf wie etwa Multiple Sklerose oder Muskeldystrophie ist eine Verladehilfe für den Rollstuhl im Kofferraum nicht immer sinnvoll.
Verschlechtert sich das Krankheitsbild und die Person kann nicht mehr gehen, muss sie den Rollstuhl vom Fahrersitz aus mit einer Verladehilfe hinter dem Sitz verstauen können. Bei Kleinwagen ist dies nicht möglich und die betroffene Person muss das Fahrzeug wechseln. Doch Obacht: Wer sein Fahrzeug vor Ablauf der gegebenen Frist wechselt, muss mit finanziellen Folgen rechnen.

Links: Mit Hilfe des Seitenlifts kann die Fahrerin unkompliziert ins Fahrzeug gelangen.
Mitte: Hier gelangt der Fahrer durch das Heck zum Lenkrad.
Rechts: Minilenkrad für Tetraplegiker – der Fahrer legt die Hand zwischen die Stäbe und fixiert sie so.
Wenn sich die Form des Autos verändert
Es ist üblich, dass die Automodelle innert weniger Jahre ein Facelifting erhalten. Der Grundaufbau bleibt erhalten, jedoch werden neue Sicherheitselemente wie Knie-Airbag, Seitenaufprallschutz oder Assistenzhilfen wie ein Tempomat eingebaut. Auch die Form kann sich ändern. Um den Benzinverbrauch zu senken, werden die Karosserien aerodynamischer. Dies bedeutet, dass die Autohecks immer tiefer gesetzt werden oder das Dach an der Seite eine rundere Form erhält. Die Bedingungen für den Fahrer ändern sich so bei einem Wechsel auf ein neues Automodell. Zum Beispiel wurden beim VW Golf die Türen und Türschwellen für einen besseren Seitenaufprallschutz immer breiter, somit vergrössert sich beim Transfer des Rollstuhls die Distanz zum Autositz. Das macht einen Transfer unter Umständen unmöglich. Mit einem zusätzlichen, fest montierten Rutschbrett lässt sich dieses Problem lösen. Ändert die Autoform, passt der Rollstuhl vielleicht nicht mehr durch die Öffnung der Heckklappe, oder der Fahrer stösst beim Transfer den Kopf an. Deshalb gilt: Selbst bei einem Fahrzeugwechsel innerhalb derselben Modellreihe muss man genau abklären, ob dies ohne grössere Probleme möglich ist.
Autofahren lernen
Den Fahrausweis bewilligt das Strassenverkehrsamt, demzufolge ist dieses auch beim Anpassen der Autos für Aktivfahrer federführend. Um ihre Fahrtauglichkeit zu prüfen, müssen sich Interessierte medizinisch abklären lassen. Das Strassenverkehrsamt schreibt mittels der technischen Verfügung die benötigten Fahrhilfen vor. Anhand dieser Verfügung passt eine spezialisierte Werkstatt das Auto an. Das Strassenverkehrsamt kontrolliert und prüft mit einer Kontrollfahrt die Tauglichkeit dieser Anpassungen.
Ein Fahrzeug zu lenken, heisst üben und nochmals üben. Dies gilt für alle Neulenker, ob mit oder ohne Einschränkungen. Aber auch das Umstellen auf ein Fahrsystem, das auf die Behinderung angepasst ist, erfordert oft Fahrstunden. Dazu brauchen die Lernenden einen entsprechenden Fahrlehrer und ein umgebautes Auto. Dieses muss über die erforderlichen Steuerungsvorrichtungen verfügen. Gerade für Neulenker ist ein Schulungsauto ideal. Insbesondere bei einem stark progredienten Krankheitsverlauf ist es möglich, dass der Lernfahrausweis erteilt, aber der definitive Fahrausweis aus medizinischen Gründen vom Strassenverkehrsamt verweigert wird. Erfolgt die Schulung im eigenen umgebauten Auto, ist dies umso besser. Fahrlehrer ohne geeignete Fahrzeuge können solche mieten; sei dies bei der CP-Stiftung, den Autoumbauern oder auch bei Driveswiss Handicap, einer Organisation, die auch Fahrlehrer ausbildet.

Ein Auto lässt sich selbst über einen Joystick sicher steuern.
Wie finanzieren
Autoanpassungen für Versicherte im IV-Alter finanziert in der Regel die IV-Stelle. Die Bedingungen für die Abgabe von Hilfsmitteln regelt die Invalidenversicherung (IV). Änderungskosten an Neuwagen übernimmt die IV höchstens alle zehn Jahre oder alle 200000 Kilometer, an Occasionsfahrzeugen höchstens alle sechs Jahre. Bei vorzeitigem Fahrzeugwechsel erfolgt ein Abzug pro rata. Änderungskosten, die infolge Auswahl einer ungeeigneten Fahrzeugvariante entstehen, übernimmt die IV nicht und auf Rückbaukosten besteht kein Anspruch. Autoanpassungen von über 25000 Franken gelten in der Regel nicht mehr als einfach und zweckmässig. Bei finanziellen Schwierigkeiten steht die Pro Infirmis Betroffenen zur Seite. Die Organisation verfügt auch über weitere Adressen für finanzielle Hilfen. Oft erhalten Mitglieder von Behindertenorganisationen einen Flottenrabatt.
Die AHV bezahlt keine Autoanpassungen. Es besteht jedoch eine Besitzstandgarantie auf Anpassungen, die die IV Autofahrern im IV-Alter bereits einmal bezahlt hat.
Gut beraten bei der SAHB
Die Autotechnik entwickelt sich rasant und eröffnet immer wieder neue Möglichkeiten, auch für Menschen mit Einschränkungen. Eine frühzeitige, individuelle Abklärung vor dem Autokauf ist deshalb dringend zu empfehlen. Die SAHB berät gerne und gibt bei Bedarf Adressen von geeigneten, spezialisierten Autowerkstätten ab.

Ein fest montiertes Rutschbrett – ausgeklappt und hochgeklappt. Nach dem Benutzen verstaut der Fahrer das Rutschbrett seitlich neben dem Sitz.