Unterstützte Kommunikation, kurz UK, verleiht Menschen, die in ihrer Kommunikation beeinträchtigt sind, eine Stimme. Weshalb die Lautsprache nicht immer einwandfrei funktioniert, hat viele Gründe, zum Beispiel: cerebrale Bewegungsstörungen, Hirnverletzungen, Syndrome, progrediente Erkrankungen bis hin zu Störungen aufgrund von Autismus.
Geräte übernehmen das Sprechen
Ziel der UK ist es, die unzureichende Lautsprache durch Hilfsmittel zu ergänzen oder zu ersetzen. Während sich die UK im angloamerikanischen, skandinavischen und niederländischen Raum schon während der 1980er-Jahre verbreitet hat, sind die Methoden in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erst rund zehn Jahre später bekannt geworden.
Heute ist die UK auch an Fachhochschulen und Universitäten in den Ausbildungen Logopädie, Sonder- und Heilpädagogik ein Thema. Zudem wird sie in vielen Institutionen für Menschen mit einer Behinderung im Alltag eingesetzt. Es ist davon auszugehen, dass die UK künftig noch bedeutender wird. Das belegt auch die wachsende Anzahl Aufträge, die die SAHB für die IV-Stellen abklärt.
Wie ist es, wenn man sich nicht ausdrücken kann?
Ein Beispiel: Ein Kind hat zum Frühstück gerne warme Milch getrunken. Heute ist das damalige Kind ein Teenager und hätte am Morgen lieber heisse Schokolade. Der Teenager hat keine Möglichkeit, dies mitzuteilen, und ist auch nie danach gefragt worden. Was macht er? Er trinkt weiterhin warme Milch, obwohl sie ihm nicht schmeckt; er verweigert das Trinken oder spuckt die Milch wieder aus.
Wer über keine oder eine sehr eingeschränkte Lautsprache verfügt, kann sich kaum mitteilen. Diese Menschen werden oft übergangen oder nicht wahrgenommen. Sie können nur bedingt Wünsche und Bedürfnisse äussern. Sie können nicht fragen oder erzählen, was sie in ihrem Alltag freut, bedrückt, enttäuscht oder wütend macht. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Gesprächspartner sie gut kennen und ihre Anliegen interpretieren können. Durch die UK lernen diese Menschen, sich ihren Möglichkeiten entsprechend auszudrücken.
Die Methoden der UK
Nach der Förderschulkonrektorin Dr. Ursula Braun zeichnet sich die UK durch einen weit gefassten Symbolbegriff aus. Dieser ermöglicht es Menschen ohne oder mit einer eingeschränkten Lautsprache, sich mit ihren Mitmenschen auszutauschen. Zum Beispiel durch körpereigene Kommunikationsformen wie Körperspannung, Mimik, Gestik, Zeigegesten und Blicke. Bei externen Kommunikationshilfen unterscheidet man zwischen elektronischen und nicht elektronischen. Nicht elektronische Hilfsmittel beinhalten Objekte, Bilder, Piktogramme und Gebärden. Bei den elektronischen Hilfsmitteln, also Kommunikationsgeräten und Apps, hat sich in den letzten Jahren viel getan.
Elektronische Hilfsmittel
Hector war das erste elektronische Kommunikationshilfsmittel in der Schweiz. Er war gross, schwer und unhandlich, aber ein wichtiger Schritt in eine neue Welt. Im Zuge der technologischen Entwicklung wurden die Hilfsmittel portabler. iPads und Tablets brachten den Durchbruch in der UK – nichts hat den Hilfsmittelbereich so schnell und grundlegend verändert.
Go Talk Now
Die App Go Talk Now ist einfach und intuitiv anzuwenden. Fachleute – und teilweise auch die nutzenden Personen oder ihr Umfeld – können einzelne Seiten mit verschiedenen Feldgrössen und Hintergrundfarben gestalten. Je nach Bedürfnis der Nutzenden ergänzen die Bezugspersonen die Felder mit Fotos, Piktogrammen oder kurzen Videosequenzen. Die Geräteanbieter können einzelne Seiten miteinander verknüpfen. Tippt man auf ein Foto oder Piktogramm, spricht das Gerät das Wort laut aus.
Go Talk Now eignet sich für Menschen, die noch am Anfang ihrer Kommunikation stehen und sie erst aufbauen. Die App kann man auch als Strukturierungshilfe, im Sinne von Stunden- oder Tagesplänen, nutzen. Sobald die nutzende Person über ein grösseres Vokabular verfügt oder Sätze bilden kann, sind die Möglichkeiten von Go Talk Now ausgeschöpft.
MetaTalkDE
MetaTalkDE ist der Mutter einer behinderten Tochter zu verdanken. Sie hat die App aufgebaut, verfeinert und weiterentwickelt. MetaTalkDE verfügt über einen erweiterten Wortschatz und spezifische Oberbegriffe. Sie bietet ein sehr umfangreiches Vokabular mit flexiblen grammatikalischen Strukturen. Auf der Startseite der App erscheinen verschiedene Oberbegriffe wie Esswaren, Getränke, Orte, Tiere, Verben oder Adjektive. Über diese gelangt die nutzende Person zu den Unterbegriffen. MetaTalkDE eignet sich für Menschen, die über einen grösseren oder grossen passiven Wortschatz verfügen und aktiv kommunizieren möchten.
Snap+Core First
Die App Snap+Core First verfügt ebenfalls über einen grossen, ausbaubaren Wortschatz sowie flexible grammatikalische Strukturen. Neben dem Prinzip von Ober- und Unterbegriffen verfügt sie über themenbasierte Seiten wie Kochen, Arzt, Spiele, Cafeteria oder Witze. Über diese Seiten kommen Betroffene schnell und einfach in einer spezifischen Situation ins Gespräch. Die Hauptseite ist mit sogenannten Kernwörtern ausgestattet, die in der Kommunikation bedeutend sind, so etwa: nicht, nochmal, auch, anders oder fertig.
Der Wortschatz von Snap+Core First wächst mit den Bedürfnissen der nutzenden Person. Diese kann die App in einer einfachen, basalen Kommunikation bis hin zu Gesprächen mit komplexem Inhalt nutzen. Ferner ist die App einfach und effizient zu programmieren. Die Grundstruktur bilden meist die Geräteanbieter. Erweiterungen kann das nahe Umfeld oder vereinzelt die nutzende Person machen.

Links: MetaTalkDE zeigt verschiedene Oberbegriffe als Bilder an (Bild: Active Communication).
Rechts: Der Junge navigiert sich durch die Piktogramme und teilt sich so mit (Bild: Active Communication).
Kommunikation mit einem elektronischen Hilfsmittel aufbauen
Es gibt Menschen, die ohne grosse Einführung durch ein Hilfsmittel kommunizieren. Zum Beispiel Menschen mit einer Erkrankung, die den Verlust der Sprechfunktionen beinhaltet, wie amyotrophe Lateralsklerose.
Wer seit Geburt in der Lautsprache eingeschränkt ist – zum Beispiel durch cerebrale Bewegungsstörungen, entwickelt sich anders. Betroffene können weniger auf sich aufmerksam machen, sich äussern oder je nach dem weder Ja noch Nein sagen. Es ist zudem davon auszugehen, dass ihr Umfeld deutlich weniger mit ihnen spricht. Das wirkt sich bei der Einführung eines Kommunikationsgerätes aus. Folgende Punkte sind wichtig, damit Betroffene lernen, erfolgreich mit einem elektronischen Hilfsmittel zu kommunizieren.
Bildsprache lernen und kommunizieren
Wer mittels eines Geräts kommunizieren will, sollte bereits gewisse Bilder und Piktogramme kennen. Dies sollte mit dem Wissen verknüpft sein, dass Bilder oder Piktogramme bedeutungstragend sind. Gerade Piktogramme weisen hierbei oft abstrakte Inhalte auf – vieles geschieht aufgrund Lernens durch konkrete Erfahrungen.
Hierzu ein Beispiel: Ein Kind schaukelt in seiner Freizeit gerne. Es ist darauf angewiesen, dass jemand die Schaukel angewiesen, dass jemand die Schaukel in Bewegung setzt. Nach einer Weile stoppt diese Person die Schaukel und zeigt dem Kind die beiden Piktogramme «nochmals» (weiterschaukeln) und «fertig» (nicht mehr schaukeln). Das Kind entscheidet, wonach ihm mehr ist, bestätigt seine Wahl durch das entsprechende Piktogramm. So löst das Kind eine Handlung erneut aus oder beendet sie.

So sieht die Oberfläche der App Snap+Core First aus (Bild: Tobii Dynavox).
Mit dem Finger oder den Augen ansteuern
Am einfachsten lässt sich ein Kommunikationsgerät mit einem Touchscreen mit dem Finger bedienen. Hierzu gibt es unterstützende Fingerführraster. Doch nicht alle können ein Hilfsmittel von Hand ansteuern. Deshalb gibt es verschiedene Methoden, zum Beispiel die Augensteuerung. Betrachtet die Person das Piktogramm am Tablet länger, wird es umrandet, aktiviert, und es kommt zu einer Sprachausgabe. Welche Methode für wen die richtige ist, erörtern Fachleute im Vorfeld.
Das Umfeld arbeitet mit
Lautsprache ist und wird immer die schnellste und effizienteste Kommunikationsform bleiben. Es ist daher unerlässlich, dass sich das Umfeld der nutzenden Person mit deren Hilfsmittel auseinandersetzt und lernt, in dieser Sprache zu kommunizieren. Beim Wählen des geeigneten Kommunikationsgerätes spielt somit auch das Umfeld (Familie, Schule, Institution) der nutzenden Person eine wichtige Rolle. Es sollte daher genau abgeklärt werden, was für Ressourcen (Zeit, Kenntnisse in UK und Technik) das Umfeld hat; wenn möglich sollten sich alle betroffenen Personen am Prozess beteiligen.

Links: Der Nutzende steuert sein Gerät von Hand an (Bild: Tobii Dynavox).
Rechts: Dieser Nutzer steuert sein Gerät über die Augen (Bild: Tobii Dynavox).
Unterstützte Kommunikation bei der SAHB
Seit dem Jahr 2014 führt die SAHB im Auftrag des Bundesamtes für Versicherung fachtechnische Beurteilungen in der Unterstützten Kommunikation durch. Dazu hat die SAHB in kurzer Zeit einen neuen Fachbereich aufgebaut. Die Nachfrage nach Beurteilungen nimmt stetig zu.
Die SAHB führt im Auftrag der IV-Stellen fachtechnische Beurteilungen durch. Dies für Rollstühle, Treppenlifte, Autoumbauten, bauliche Änderungen sowie orthopädietechnische Versorgungen. Im Frühling 2014 hat das Bundesamt für Versicherung (BSV) die SAHB angefragt, fachtechnische Beurteilungen in der Unterstützten Kommunikation durchzuführen.
Neu geschaffener Fachbereich
Transparenz im Markt der elektronischen Kommunikationshilfsmittel schaffen und kostspielige Fehlversorgungen verhindern ist das Ziel der fachtechnischen Beurteilungen. Zudem prüft die SAHB, wer für die Finanzierung eines Kommunikationsgerätes zuständig ist.
Nach der Anfrage des BSV hat die SAHB innert vier Monaten den neuen Fachbereich Unterstützte Kommunikation aufgebaut. In der UK erfahrene Logopädinnen verstärken seither das Team.
615 Expertisen im Jahr 2018
Aktuell arbeiten vier Logopädinnen in der Deutschschweiz, zwei in der Romandie und eine im Tessin. Zusammen ergibt das zirka 250 Stellenprozent. Im Zeitalter der Tablets hat sich die Unterstützte Kommunikation stark weiterentwickelt und wird bedeutender. So ist seit August 2014 die Anzahl Aufträge der IV-Stellen an die SAHB stetig gestiegen. Allein im Jahr 2018 hat die SAHB für die IV-Stellen über 600 Expertisen in der UK durchgeführt.
Fachtechnische Beurteilung
Benötigt eine schwer sprech- und/oder schreibbehinderte Person zum Kontakt mit der Umwelt ein elektronisches Kommunikationsgerät, müssen die Eltern, der Beistand oder die benutzende Person (bei Volljährigkeit) für dessen Finanzierung einen Antrag an die zuständige IV-Stelle stellen. Ist der Antragssteller noch nicht bei einer IV-Stelle angemeldet, muss er dies vorgängig mittels Anmeldeformular erledigen. Ist die IV für die Finanzierung eines Kommunikationsgerätes zuständig, beauftragt sie die Fachhändler von Kommunikationsgeräten, wie Active Communication (siehe Seite 20), mit einer Vorabklärung. Welches Gerät braucht eine nutzende Person, und was soll es ihr künftig ermöglichen? Mit den Beratenden des Fachhandels probieren Betroffene und ihr Umfeld Hilfsmittel aus, wählen eine Kommunikationssoftware (z.B. Go TalkNow, Snap + Core First) aus und besprechen mögliche Ziele für das spätere Gebrauchstraining. Daraus entsteht eine Offerte (inkl. Gerät, Gebrauchstraining usw.), die die SAHB im Auftrag der IV fachtechnisch auf ihre Einfachheit und Zweckmässigkeit beurteilt.
Alle Beteiligten miteinbeziehen
Die Beurteilung der SAHB beinhaltet das Prüfen der Material- und Dienstleistungskosten auf ihre Einfachheit und Zweckmässigkeit. Das Material soll den Möglichkeiten und Bedürfnissen der nutzenden Person entsprechen: Steuert sie das Gerät mit den Augen oder mit der Hand an? Über welche kommunikativen Fähigkeiten verfügt die Person, oder hat sie allenfalls Kompetenzen im Lesen und Schreiben?
Das Gerät aufbereiten, die nutzende Person und ihr Umfeld (Familie, Schule, Institution) schulen ist in den offerierten Dienstleistungskosten inbegriffen. Es ist wichtig, dass die Fachleute alle Beteiligten im Umgang mit dem Hilfsmittel begleiten und sorgfältig einführen. Die wenigsten Nutzenden können ein Kommunikationsgerät auf Anhieb anwenden.
Vorhandenes aus den IV-Depots nutzen
Weiter prüft die SAHB, ob die in der Offerte enthaltenen Geräte im IV-Depot vorhanden sind. Die IV gibt Hilfsmittel leihweise ab. Werden sie nicht mehr gebraucht, gehen sie zurück ins IV-Depot.
Fachtechnische Beurteilungen führt die SAHB telefonisch oder im Umfeld der versicherten Person durch. Anschliessend gibt die SAHB der IV eine schriftliche Empfehlung ab, die IV entscheidet über das Hilfsmittel. Ausnahme: Die IV bezahlt keine Geräte, die zur Therapie der Lautsprache oder der Sprachförderung eingesetzt werden.
Finanzierungszuständigkeit beurteilen
Manchmal ist die Finanzierung eines Gerätes durch die IV nicht geklärt. In solchen Fällen beauftragt sie die SAHB; die prüft wiederum, wer für das Finanzieren zuständig ist. Dabei besuchen die Fachleute der SAHB die Versicherten in ihrem familiären bzw. schulischen Umfeld.